Reisebrief vom 26. April 2025

Welche Form für den Bug meiner Motoryacht wähle ich?

Wer über eine Bootsausstellung geht, traut manches Mal seinen Augen nicht. Dort werden Motoryachten angeboten, die alle Traditionen über den Haufen werfen. Dieser Reisebrief illustriert den Wandel der Vorstellungen über ein gutes Design des Bugs eines Bootes.

Von den rund achtzig Mehrrumpfbooten, die in der Kalenderwoche 17 des Jahres 2025 in La Grande-Motte versammelt waren, waren etwa zwanzig Motorkatamarane. Mit keinem dieser Boote lassen sich die Binnenreviere Europas umfassend bereisen. Sie sind entweder zu breit oder bieten zu wenig Wohnkomfort. Experimentelles Design gibt es dennoch zu bestaunen.

Reserveauftrieb und geneigte Buglinien

Vor nicht einmal einer Generation galt die Regel, im Bug müsse Volumen vorhanden sein. Man nannte es Reserveauftrieb. Er sollte das Unterschneiden des Bugs verhindern und dafür sorgen, dass die Bootsspitze nach einer größeren Welle schnell wieder auftaucht.

Im Gegenzug wurde das Heck weniger voluminös gebaut, damit achterlicher Seegang es nicht zu stark anhebt. Um den Bug schlank zu halten, zeichneten Konstrukteure eine stark geneigte Buglinie. Der 1983 größte Trimaran, der als erster 30 Knoten schnell segelte, ist ein Beispiel für diese Bugform nach einem Entwurf von Derek Kelsall.

Von Überhängen zu langen Wasserlinien

Diese Philosophie hat sich jüngst beinahe ins Gegenteil verkehrt. Mit dem Argument „Länge läuft“ wird die Bugspitze auf Höhe der Wasserlinie platziert. Das sieht zunächst aufregend aus. Ob die Motoryacht dadurch deutlich schneller fährt, sei dahingestellt.

Im traditionellen Yachtbau war es üblich, Volumen im Vorschiff mit einem schlanken Heck zu kombinieren. Eine Yacht von 1927 demonstriert dieses Prinzip. Je schwerer und langsamer ein Boot ist, desto weniger spielt die Verteilung der Verdrängung im Rumpf eine Rolle. Frachtsegler sowie manche Post- und Lotsenboote waren kurz und bauchig. Schiffe, die auf Flüssen oder gegen Gezeitenströmungen fahren mussten, wurden dagegen eher lang und schmal gebaut.

Typisch für Berufsfahrzeuge, die bei schlechtem Wetter auf See arbeiten, sind Bugformen mit Volumen durch ein hohes Freibord und ausladenden Decks, die das Spritzwasser der Bugwelle zu den Seiten ableiten. Diese Form findet sich auch bei modernen Sportfischerbooten wieder. Bei Segelyachten und Motorbooten entwickelte sich das Design zugleich in Richtung ebener Flächen und geringer Überhänge.

Design darf die Funktion nicht verdrängen

Auch ich habe mich dieser Entwicklung angepasst, beispielsweise bei der 15,60 Meter langen Kat Man Du. Allerdings erhielt keine meiner Motoryachten einen senkrechten Steven oder gar einen negativen Bug. Design ist wichtig, darf aber die Funktion nicht außer Kraft setzen. Ein senkrechter Bug wird bei Anlegemanövern leichter beschädigt als der Bugbeschlag eines überstehenden Stevens.

Meine fünf Katamarane nach Entwürfen von John Shuttleworth, die auf den Weltmeeren segeln, sind Beispiele für schnelle und funktionale Rümpfe. Ein gutes Verhältnis von Länge zu Breite an der Wasserlinie und zusätzliches Volumen oberhalb der Wasserlinie zeichnen sie aus. Es gelangt kaum Spritzwasser an Deck.

Der Trend führte also weg von großen Überhängen und hin zu langen Wasserlinien. Was auf einer Bootsausstellung als Innovation auffällt, besteht jedoch nicht immer den Praxistest. Manche Boote fahren nass und schaufeln regelrecht Wasser an Deck. Ein inverser Bug und senkrechte Bordwände bieten mit zunehmendem Eintauchen keinen ausreichend starken Zuwachs an Auftrieb. Auch das Ein- und Aussteigen über den Bug kann im Hafen schwierig werden.

Die Bugform muss zum Reisen passen

Manche Motoryacht ist vor allem für Marina, Sonnenschein und Flaute gestaltet. Aus der großen Auswahl kann jeder das Boot finden, das seinem persönlichen Reisestil entspricht. Die Spannweite reicht vom Partyboot am Mittelmeer bis zur Exploreryacht für wenig erschlossene Reviere, von klassischen Typen mit meisterlichem Holzausbau bis zu innovativen Entwürfen aus modernen Faserverbundwerkstoffen.

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